Das erste Schneeglöckchen
Prolog
Früher, als die Menschen noch frei von Umwelteinflüssen und Fernsehbildern waren, konnten sie sich ihre eigenen Bilder machen und sehr viel mehr wahrnehmen, als heute. So kam es, dass vor langer, langer Zeit, als einige Waldarbeiter ein paar alte Fichten fällen wollten, etwas ganz Sonderbares geschah.
Als sie den letzten Fichtenstumpf entwurzelten, trauten sie ihren Augen nicht! Aus dem Loch, das nun an Stelle der Wurzel klaffte, begann Wasser zu sprudeln. Es floss so heftig, dass sie zur Seite springen mussten, sonst hätte der Sturzbach sie weggespült.
Doch das war noch nicht alles: Als das Wasser langsam weniger wurde, sahen sie ein großes Seerosenblatt aus dem Erdinneren heranschwimmen. Die Strömung brachte es bis vor die Höhle und wie durch Zauberhand wurde es ans Ufer gelegt. Langsam öffnete sich das Blatt. Unter den staunenden Augen der Waldarbeiter entstieg ihm ein Wesen, so schön wie eine Fee. Es reckte und streckte sich, blinzelte in die Sonne, rieb sich die Augen und sah sich um. Als es die Waldarbeiter entdeckte, lächelte es. Diese standen mit offenen Mündern da und konnten sich nicht bewegen.
„Schön ist es hier!“ sprach das Wesen. „Wo bin ich denn?“
Einer der Männer, wohl der mutigste unter ihnen, fasste sich ein Herz und antwortete stotternd: „Du bist im Wald vom Grafen Porthaus!“ Nach einer kurzen Pause fragte er neugierig: „Wer oder was bist du denn?“
„Ich bin eine Quellnymphe! Ihr habt hier mit eurer Arbeit, die Quelle freigesetzt. Jede Quelle hat auch eine Nymphe und ich gehöre nun zu dieser Quelle!“ entgegnete sie etwas benommen. „Ich habe lange darauf gewartet endlich das Licht der Welt zu erblicken, und ihr habt mir dabei geholfen. Ich danke euch!“
„Gern geschehen!“ antworteten die Waldarbeiter verdattert.
„Als erstes brauch‘ ich einen Namen.“ Sie überlegte. Plötzlich strahlte sie: „Ich werde Portulla heißen! So ähnlich, wie euer Graf!“ rief sie freudig und drehte sich einmal im Kreis auf ihrem Seerosenblatt.
Die Waldarbeiter standen immer noch wie angewurzelt da.
Portulla sah die Männer und fing an zu lachen: „Ihr braucht euch vor mir nicht zu fürchten“, rief sie. „Ich bin eine Quellnymphe und werde diesen Ort nicht mehr verlassen. Ich lebe so lange, so lange diese Quelle fließt!“

 

Das erste Schneeglöckchen

Die ersten Sonnenstrahlen schienen auf den gefrorenen Waldboden neben der Quelle. Noch war es ziemlich kalt, doch da drückte sich ein kleines Schneeglöckchen durch die schwere Decke aus altem Laub ans Tageslicht. Es war Schwerstarbeit. Das Pflänzlein hatte nur eines im Sinn: da hindurch und ans Licht!
Die Quellnymphe Portulla sah dieses kleine Wunder und rief ganz aufgeregt alle Elfen herbei.
„Seht nur! Seht nur!“ rief sie. „Da kommt das erste Schneeglöckchen!“ Die Elfen flatterten und kicherten ganz aufgeregt über der Quelle und dem kleinen Blümchen. Auch sie freuten sich über dieses erste Zeichen des nahen Frühlings.
Plötzlich hatte Portulla große Sorgen. Der Winter war sehr trocken. Es gab nur klirrende Kälte, kaum Schnee, geschweige denn Regen. Aus Mutter Erdes Innerem floss zwar noch reichlich Wasser, doch da, wo das Schneeglöckchen stand, kam es nicht hin.
„Ob es auch genug Wasser hat?“ fragte sie besorgt.
Sie dachte nach und hatte plötzlich eine Idee. Direkt neben der Quelle stand eine alte Buche und ein alter Haselnussstrauch. Diese streckten einige ihrer Wurzeln in die Quelle hinein und hatten immer reichlich Wasser. Sie lebten beide schon viele, viele Jahre an der Quelle, hatten Jahreszeiten und Menschen kommen und gehen sehen. Vögel machten auf ihren Ästen Rast, bevor sie hinunter zur Quelle flogen, um zu trinken.
‚Die Baumelfen,‘ dachte Portulla. ‚Sie können mir bestimmt helfen.
„Wir müssen dafür sorgen, dass es genug Wasser hat“, rief Portulla zu ihnen hoch. „Könnt ihr der Krähe da oben Bescheid sagen, damit sie die Wolken herbeiruft. Dann gibt es endlich wieder Regen!“
„Gern tun wir das!“ ereiferten sich die Baumelfen und schwirrten in der alten Buche nach oben. Die Krähe Habanuk schaukelte gerade auf einem Ast nachdenklich hin und her und fragte sich, wo die anderen Krähen geblieben sind. Doch das Alleinsein tat ihm richtig gut. Dieses ewige Gekrächze über den kalten Winter und das wenige Futter regte ihn mittlerweile krähisch auf. Er freute sich an den ersten warmen Sonnenstrahlen und krächzte fröhlich in die laue Luft.
Als er die Baumelfen sah, verging ihm die gute Laune. ‚Diese Möchtegernflieger!‘ dachte er verächtlich. ‚Sie schwirren um ihren Baum herum und kommen sich furchtbar wichtig vor!‘
Er wollte gerade seine Flügel ausbreiten, um der Begegnung mit den Elfen zu entgehen, als diese ihm die Flugbahn versperrten.
„Was gibt’s?“ fragte Habanuk ungehalten.
„Du musst uns helfen!“ schrieen die Elfen.
„So! Muss ich das?“
„Ja, ja! Du musst! Da unten ist das erste Schneeglöckchen!“
„Na und? Es wird noch mehrere geben! Was regt ihr euch so auf?“
fragte er verächtlich.
„Vielleicht hat es nicht genug Wasser zum Überleben!“, riefen die Elfen aufgeregt.
„Papperlapapp!“, krächzte Habanuk. „Es wächst doch direkt neben der Quelle! Da gibt’s ja genug Wasser.“
„Eben nicht! Das Wasser reicht nicht bis zu ihm hinauf. Portulla, die Quellnymphe, bittet dich um Hilfe!“
„Was geht mich die Quellnymphe an?“ Jetzt wurde Habanuk richtig ärgerlich. „Ich habe überhaupt keine Zeit und auch keine Lust mich mit eurem Kram zu beschäftigen!“
„Aber du musst!“, schrieen die aufgeregten Baumelfen.
„Ich muss gar nichts!“ Es klang sehr bestimmt. Am liebsten wäre er jetzt weggeflogen, doch die Baumelfen schwirrten zu dicht um ihn herum. Er wollte niemanden verletzen, obwohl ihm dies Geschwirre allmählich lästig wurde. Außerdem kam er ja doch nicht weg, bevor er sich anhörte, was diese Plagegeister von ihm wollten.
„Also! Worum geht’s?“

Text: Marianne Tobie, Stockach Fotos: Manfred Kastner, Bodman-Ludwigshafen

 

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