Leseprobe

Die Libelle Kandulla

... Nach dem fast vier Stunden vergangen waren, hatte die Libelle genügend Kraft gesammelt. Sie bewegte vorsichtig ihren großen Kopf und spähte mit ihren scharfen Augen neugierig in der Gegend herum. Sie sah die Elfen auf den Blättern sitzen und war etwas erstaunt.
„Willkommen im Leben!“ hörte sie unter sich eine sanfte Stimme sagen.
Langsam drehte sie sich um und erkannte Portulla.
„Hallo!“ erwiderte sie erstaunt. „Wo bin ich?“
„Du bist im Wald an unserer Quelle. Du bist gerade erst zur Welt gekommen“, antwortete Portulla. „Es war ein langer Prozess. Du hast fast zwei Jahre gebraucht, nachdem dich deine Mutter als Ei ins Wasser gelegt hat!“
„Ja, ich erinnere mich an eine lange Zeit im Wasser. Doch jetzt bin ich fertig ausgewachsen und werde bald fliegen können. Das ist ja meine Bestimmung, oder?“
„Natürlich ist das deine Bestimmung. Du bist sogar einer der besten Flieger unter den Insekten, wenn nicht gar der beste!“
„Oh, das freut mich zu hören. Ob ich es schon kann?“ fragte die Libelle etwas ängstlich.
„Probier es doch einfach. Du brauchst ja nicht weit fort zu fliegen. Flieg doch einfach eine Runde über der Quelle, und wir können dir sagen, wie es aussieht,“ ermunterte Portulla sie.
„Ja, ja, flieg doch mal!“ riefen die Elfen aufgeregt. „Du musst nur die Flügel bewegen! Schau so!“ und sie schwirrten wie ein Schwarm Bienen um den alten Haselstrauch.
„Also gut!“ Vorsichtig bewegte die Libelle ihre Flügel. Dann löste sie ihre Beine von dem Schachtelhalm und flog!
Hei, das war ja ein wunderbares Gefühl, so frei und beweglich zu sein! Wie eng war es doch in dieser Hülle. Sie blickte auf den Schachtelhalm. Da hing noch immer ihr altes Gehäuse, das sie so lange geschützt hatte. Nie hätte sie es sich träumen lassen, dass es außerhalb dieser Hülle so leicht und luftig sein könnte.
„Das sieht wunderbar aus!“ hörte sie die Quellnymphe sagen. „Ja, ja, es sieht wunderbar aus“, riefen die Elfen aufgeregt durcheinander.
„Wie heißt du eigentlich?“ fragte Portulla.
„Wie ich heiße?“ Die Libelle drehte noch eine Runde und dachte nach. Dann wusste sie es: „Ich heiße Kandulla!“ rief sie begeistert. „Ja, genau! Ich erinnere mich, dass dies der Name war, den meine Mutter mir gab, als sie mich ins Wasser legte.“
„Das ist ein schöner Name, Kandulla! Ich – das heißt wir – heißen dich herzlich willkommen bei uns an der Quelle!“
„Ja, herzlich willkommen“, riefen die Elfen. „Vielleicht legst du ja auch einmal deine Kinder in unser Wasser. Wir haben nämlich sehr gutes Wasser, musst du wissen!“
„Das muss wohl so sein, wenn ich über zwei Jahre darin gelebt habe!“
Kandulla verlor langsam das Interesse an den Elfen und der Quelle. In der Zwischenzeit hatte sie immer mehr Sicherheit beim Fliegen erlangt und war bald bereit auch etwas weiter weg zu fliegen. Sie wurde neugierig. „Was es wohl außerhalb dieser Quelle zu sehen gibt? Ich würde gern etwas weiter weg fliegen!“ meinte sie, während sie immer höher flog und immer größere Kreise in der Luft vollbrachte. „Es ist ein wunderbares Gefühl!“
„Du kannst es schon sehr gut“, lobte Portulla und lächelte. Sie wusste es ja. Libellen sind wahre Flugkünstler. Kandulla gefiel ihr sehr gut. Darum wollte sie ihr am liebsten noch eine Weile zusehen. „Weißt du was? Flieg noch ein bisschen hier bei uns und zeig uns, was du alles kannst. Es sieht so schön und kraftvoll aus, wie du es machst.“
„Ja, ja! Bitte flieg noch ein bisschen hier bei uns! Wir können ja leider nicht mit dir mitfliegen!“ riefen die Elfen aufgeregt.
„Ihr habt doch Flügel! Wieso fliegt ihr denn nicht mit?“ Kandulla war sehr erstaunt.
„Wir dürfen unseren Strauch und die alte Buche nicht verlassen. Hier ist unser Zuhause und wir haben hier auch eine Aufgabe zu erfüllen.“ Die kleine Elfe flatterte stolz mit ihren Flügeln. Die anderen pflichteten ihr bei. „Ja, hier ist unser Zuhause!“
„Und ihr fliegt niemals in die Welt hinaus?“
„Nein. Doch wir wissen schon, was in der Welt geschieht und wie es dort aussieht“, ereiferten sich die Elfen. „Es kommen ja viele Vögel und Insekten und natürlich auch Menschen zu uns. So erfahren wir alles!“
„Seid ihr gar nicht neugierig, wie es tatsächlich dort aussieht?“ Kandulla konnte das nicht verstehen.
„Nein!“ ertönte einstimmig die klare Antwort der Elfen.
„Na ja, so ganz richtig ist das nicht!“ ließ sich Portulla vernehmen. Sie kannte ihre Elfen sehr gut und wusste, das diese sehr neugierig waren. „Neugierig sind sie schon, doch sie wollen nur wissen, was es dort draußen gibt und wie die Dinge aussehen. Sie wollen nicht unbedingt dabei sein!“
„Das verstehe ich nicht ganz!“
„Das kannst du auch nicht. Du bist nicht an einen Platz gebunden. Du kannst fliegen, wohin du willst und tun und lassen, was du willst. Doch dafür dauert dein Leben nicht so lang.
Kandulla erschrak. „Wie lang dauert mein Leben denn?“
„Es dauert genau einen Sommer und einen Herbst. Du kannst in der kalten Jahreszeit nicht leben. Dafür bist du nicht geschaffen.“
„Was, nur so kurz lebe ich und dafür liege ich so lange im Wasser?“ Kandulla war empört.
„Du brauchst dich deshalb nicht aufzuregen. Alles auf der Welt hat seine Ordnung und alles hat seine Zeit. Deine Bestimmung ist, einen Sommer lang zu fliegen, dich an der Natur zu erfreuen, dir einen Partner zu suchen und deine Eier in einen Teich oder in eine Quelle zu legen. Deine Kinder sorgen dann dafür, dass du weiterlebst.“ ...

Text: Marianne Tobie, Stockach Fotos: Manfred Kastner, Bodman-Ludwigshafen

 

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