Die vergessenen Drei

Seit Tagen herrschte bittere Kälte. Die Landschaft verschwand unter einer dicken Nebeldecke und die Sonne konnte diese nicht auflösen. Die Natur und die Menschen schienen fast völlig eingefroren. Wer nicht hinaus musste, blieb zu Hause in der warmen Stube.
Auch an der Quelle bei der Nymphe Portulla war es ganz still. Leise murmelnd floss das Wasser aus der Erde, und in der kleinen Höhle war es sehr friedlich.
‘Hoffentlich schneit es bald‘, dachte Portulla. ‘Dann ist es wenigstens nicht mehr so kalt.‘ Auch die Baumelfen wünschten sich sehnlichst neuen Schnee. Dann konnten sie so richtig wieder umhertollen und auf den verschneiten Ästen ausgelassen hinunter rutschen.
Die Bäume im Wald und an der Quelle sahen aus als seien sie verzaubert. Der feuchte Nebel und die Kälte formten Raureif an den Ästen. Durch Tausende von Eiskristallen sahen sie aus, als wären sie mit Puderzucker bestreut. Falls sich doch ein Spaziergänger in den Wald verirren sollte, wäre er von der seltsamen Schönheit überrascht.
Doch es kam niemand vorbei. Nur oben auf der Spitze der alten Buche schaukelte eine Krähe hin und her. Sie war gar nicht gut drauf. Auch ihr drückte der dichte Nebel aufs Gemüt. Sie wusste nicht so recht, was sie mit sich anfangen soll. Irgendwie hatte sie zu nichts Lust. Wenn es so kalt war, dann blieb sie am besten ganz ruhig sitzen und plusterte ihr Gefieder auf. Das hielt ihr dann warm.
Portulla sah die Krähe Habanuk oben auf dem Baumgipfel und musste lächeln.
„Na, Habanuk“, rief sie. „Wie geht’s dir so?“
„Ach! Vergiss es! Ich habe keine Lust auf Unterhaltung!“ krächzte Habanuk nach unten.
Die Baumelfen erwachten aus ihrem Halbschlaf und wirbelten zu ihm hinauf.
„Du brauchst nicht so unfreundlich zu sein!“ riefen sie. „Portulla wollte uns mit ihrer Frage nur die Zeit vertreiben.“
„Krah, lasst mich doch in Ruhe!“ erwiderte Habanuk und drehte sich auf dem Ast um. Diese lästigen kleinen Möchtegernflieger haben ihm gerade noch gefehlt!
„Hoffentlich schneit es bald!“ rief Portulla von unten. „Dann ist es ja nicht mehr so kalt!“
„Ja, aber dann ist alles zugeschneit und ich finde nichts mehr zu fressen!“ maulte Habanuk. „Ich hasse den Winter!“
„Ach, das brauchst du aber nicht!“ Portulla blieb weiter freundlich. Sie kannte die Einstellung vieler Lebewesen. Den meisten war es zu kalt. Glück hatten die, die im Winter irgendwo in der Erde oder unter dichtem Laub ihren Winterschlaf hielten, bis es wieder wärmer wurde. „Wenn du möchtest, kannst du gern zu mir in die Höhle kommen. Hier ist es angenehm warm!“ lud sie Habanuk ein.
„Ach ich weiß nicht!“ Es war ihm etwas peinlich, nachdem er so unhöflich zu Portulla gewesen war. Um dieses zu überspielen fragte er: „Wieso ist es warm bei dir?“
„Das Wasser kommt tief aus der Erde und hat immer die gleiche Temperatur. Bei mir ist es im Sommer und im Winter gleich kalt oder warm. Die Menschen messen die Temperatur an der Quelle mit einem Thermometer und es zeigt immer zehn Grad an.“
„Dann gibt es bei dir niemals Eis?“ wollte Habanuk wissen und flog etwas näher an den Höhleneingang.
„Niemals!“
„Es ist immer schön warm da unten!“ riefen die Baumelfen und flatterten auch zu Portulla hinunter.
„Eis bildete sich nur etwas weiter von hier, dort wo die Quelle zum Bach wird,“ erklärte Portulla.
Während Habanuk hinunterflog entdeckte er etwas seltsames im Gebüsch. Fast wäre er wieder hinaufgeflogen, doch dann sah er, dass sich die Figuren gar nicht bewegten.
„Was ist denn das?“ fragte er erstaunt.
„Das siehst du doch! Das siehst du doch!“ riefen die Baumelfen.
„Sind die erfroren ? Oder sind die gar nicht echt?“
Die Baumelfen kugelten sich vor Lachen: „Echt? Natürlich sind die echt! Und wie echt!“ Sie hatten Spaß daran die aufgeblasene Krähe zu verschaukeln.
Habanuk blieb gekränkt auf einem Ast sitzen und beäugte argwöhnisch die drei seltsamen Gestalten im Gebüsch.
„Aber, aber! Ihr braucht Habanuk nicht so zu necken!“ rief Portulla tadelnd den Elfen zu. „Du brauchst nicht zu erschrecken, Habanuk. Es sind nur Stofftiere, beziehungsweise eine Stoffpuppe und zwei Teddybären!“
„Wie kommen die denn hierher?“ wollte Habanuk wissen.
„Im Spätsommer kamen Kinder und spielten hier an der Quelle. Als sie gingen war es schon fast dunkel und da haben sie die Puppen nicht mehr gefunden. Die Tage darauf regnete es, und die Kinder kamen nicht mehr. Vielleicht haben sie auch vergessen, wo sie ihre Spielsachen verloren haben.“
„Und was passiert jetzt damit?“ wollte Habanuk wissen.
„Es ist bald Weihnachten. Vielleicht kommt ja jemand vorbei und findet sie hier.“
„Du meinst jemanden Bestimmten?“
„Ja, ich meine jemanden Bestimmten!“
Ein paar Tage später fing es an zu schneien. Zuerst rieselten nur ein paar Schneeflocken zur Erde. Der Boden war schon ziemlich gefroren und so blieben sie liegen. In einer geschützten Ecke im Wald standen noch ein paar braune Pilze. Diese sahen mit ihren weißen Kappen sehr hübsch aus. Braun glänzten ihre Hüte auf dem dunklen Waldboden. Am Bach wuchs noch etwas Bachbunge. Die Schneeflocken blieben sacht auf den grünen Blättern liegen. Diese sahen aus, als hätte jemand sie mit Puderzucker bestreut. ‘Wie ein hübsch angerichtetes Dessert!‘ dachte Portulla.
Sie sah aus ihrer Höhle, wie die Natur sich langsam verwandelte. An ein paar Ästen schmolz der Raureif und sofort bildeten sich daran kleine Eiszapfen. Auch der Bach bekam ein kleines Muster aus Eis, da wo das Wasser nur wenig Strömung hatte und nicht so tief war. Es sah aus, wie eine fein gehäkelte Spitze.
Portulla sah zu der Puppe und den beiden Teddys und überlegte, wie sie ihnen helfen konnte. Sollte sie ihre Zauberkraft einsetzen und sie zum Sprechen bringen? Gern hätte sie etwas mehr von den Kindern erfahren, denen diese Puppen gehörten. Zwar wusste Portulla so ziemlich alles über die Menschen und deren Kinder, doch es war immer wieder interessant etwas Neues zu erfahren. Die Wintertage waren ja so still und lang. Die einzige Abwechslung hatte sie, wenn mal ein Vogel vorbei kam, oder die Baumelfen ihre Späße trieben. . . .

Text: Marianne Tobie, Stockach Fotos: Manfred Kastner, Bodman - Ludwigshafen

 

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