Tulli, der Schneckenmann

... Als Portulla so über das Wasser blickte, sah sie in einer Ecke eine Ansammlung bunter Blätter. ‚Ja, es wird wieder Herbst!‘ dachte sie. Diese Jahreszeit liebte sie sehr. Zwar liebte sie alle Jahreszeiten, doch der Herbst war für sie der Beweis, wie reich die Natur sein kann. Es gab alles im Überfluss: Beeren, Kräuter, Pilze. Sogar ein roter Apfel lag im Gras, ganz nah am Wasser und leuchtete wie ein Edelstein. ‚Der muss wohl von der nahen Obstwiese hergekullert sein!‘ dachte Portulla und überlegte, wer den wohl als erster entdecken wird. Alle Tiere konnten sich einen richtigen Winterspeck anfuttern, der sie bis zum nächsten Frühjahr überleben ließ.
Kaum hatte sie dies gedacht, als auch schon so ein fettes Exemplar daher gekrochen kam. ‚Ah! Da ist er ja, dieser Tulli!“

Tulli war eine große, fette Nacktschnecke. Er liebte es im feuchten Matsch herumzukriechen. Da wuchsen die saftigsten Kräuter und Blätter. Da konnte er sich so richtig satt fressen. Im Laufe des Sommers wurde er immer größer und schwerfälliger. Na, was macht das schon? Hauptsache er hatte Spaß am Leben!
Seine Lebensphilosophie lautet: „Genieße dein Leben, solange du es hast!“ Er war sich seiner zahlreichen natürlichen Feinde sehr bewusst. Doch vor denen hatte er keine Angst. Immer wieder kamen ein paar Wildenten und Gänse auf die Wiese und auch an den Bachlauf, der gleich nach der Quelle entstand. Die waren aber immer so laut, schnatterten dauernd durcheinander und waren oft miteinander ins Gespräch vertieft. So konnte er in aller Ruhe unter ein Blatt kriechen und dort so lange ausharren, bis das Federvieh wieder abgeflogen war.
Vor den Menschen musste er sich in acht nehmen. Die konnten ihn und seinesgleichen anscheinend nicht leiden. Zugegeben, er und die andern Nacktschnecken waren nicht gerade die Schönsten. ‚Die mit Haus auf dem Rücken sind anscheinend beliebter‘, dachte er.
Tulli freute sich, dass er kein Haus mit sich herumschleppen musste. Es machte ihn beweglicher und freier. Die Freiheit war ihm sehr wichtig. Er konnte überall hin streifen und sich überall sattfressen. Doch das Allerwichtigste war, dass er sich in die Erde verkriechen konnte und so nicht mehr sichtbar war, wenn Gefahr drohte.
„Ach, seht mal, wer da kommt!“, hörte er eine Stimme rufen. Tulli hob seinen Kopf und streckte die Fühler aus, um besser sehen zu können. Er erkannte Hassel, der mit dem Haus.
„Ach, du bist es!“ rief Tulli im gleichen Ton. „Wie geht’s denn so?“ Eigentlich hatte er keine Lust mit diesem aufgeblasenen Pinsel zu reden, doch er wollte nicht unhöflich sein.
„Danke der Nachfrage! Es geht mir natürlich ausgezeichnet!“ antwortete Hassel affektiert. „Ich habe mein Haus noch ein bisschen erweitert. Jetzt ist es schön bequem da drin!“
„Schön für dich!“ Tulli wollte weiter kriechen und sich am nächsten saftigen Blatt ergötzen. Wie groß Hassels Haus nun ist, war ihm völlig Schnuppe.
„Ja, gell? Außerdem haben sich meine Streifen verbreitert. Ich finde, ich sehe jetzt wirklich gut aus! Findest du nicht auch?“
Tulli kaute in Ruhe weiter. Er dachte gar nicht daran, zu antworten. Hassel führte mit Vorliebe Selbstgespräche. Zwischen zwei Bissen murmelte er ein kurzes „Mhm“, dass Hassel vielleicht gar nicht wahrnahm.
„Außerdem traf ich gestern Estella. Du weißt schon. Die Kleine mit dem hellbraunen Haus und den weißen Streifen. Ach ist die süß! Und ganz verrückt nach mir!“
„Mhm!“ Tulli mampfte weiter. ‚Wie kann einer nur so eingebildet sein! Estella ist eine liebe kleine Schnecke und ganz bescheiden. Sie ist bestimmt nicht in so einen aufgeblasenen Kerl, wie Hassel verliebt.’ Das wollte Tulli nicht glauben. Außerdem hatte er während des Sommers mit Estella Freundschaft geschlossen. ...
Tulli war damals noch nicht so groß und Estella war auf der Suche nach einem Freund. Eines Tages kroch sie mit ihrer Mutter, die genauso braunweiß gestreift war, durch das Gras, als eine Schar Enten daher gewatschelt kam. Sie konnte sich gerade noch unter einem großen Löwenzahnblatt verstecken. Dort rollte sie sich in ihrem Haus zusammen und bibberte vor Angst. Als es wieder still war, kroch sie langsam hervor und suchte ihre Mutter. Doch sie konnte sie nirgends sehen. Traurig kroch sie in Richtung Quelle. Auf dem Weg dorthin traf sie Tulli. Auch er war allein.
„Hallo“, grüßte er sie. Estella war noch sehr schüchtern und antwortete nicht. ‚Bloß nicht hinschauen!‘ dachte sie. ‚Mama hatte mir gesagt, dass ich mich nicht mit fremden Geschöpfen einlassen soll!‘ Außerdem war diese Schnecke einfach hässlich. Estella hatte noch nie eine Schnecke ohne Haus gesehen. ‚Vielleicht war er krank?‘ dachte sie und kroch unbeirrt weiter, so als wäre Tulli gar nicht vorhanden.
„Ich heiße Tulli!“ rief dieser fröhlich. „Und du?“
Jetzt konnte sie ihm nicht mehr ausweichen und auch nicht so tun, als hätte sie ihn nicht gehört.
„Estella!“ antwortete sie leise.
„Ein schöner Name! Woher kommst du?“
„Von weit weg. Ich glaube es war am andern Ende der Wiese. Ich bin mit meiner Mama unterwegs zur Quelle!“ Sie wollte Tulli nicht gleich auf die Nase binden, dass sie alleine war.
„Und wo ist deine Mama jetzt?“ fragte Tulli und sah sich nach ihr um.
„Sie ist... sie ist...“ dann begann sie zu weinen und verkroch sich sofort in ihr Schneckenhaus.
Tulli blieb ganz still. Er war so sprachlos , dass er sogar vergaß zu fressen. Er hatte noch nie eine Hausschnecke weinen gesehen. Die meisten, die er kannte, waren sehr selbstsicher und behandelten ihn von oben herab. Nur weil sie ein Haus mit sich herumschleppten, hielten sie sich für etwas Besseres. Deshalb ging er ihnen auch lieber aus dem Weg.
Ganz langsam kroch er näher zu Estella und überlegte dabei, was er ihr sagen könnte.
„Estella?“ sagte er leise. „Komm doch heraus! Schau, ich habe hier ein so schönes saftiges Blatt gefunden. Das möchte ich dir schenken!“ Er wartete eine Weile, doch Estella rührte sich nicht.
„Komm wir kriechen zu der Quelle! Dort wohnt meine Freundin, die Nymphe Portulla. Die kann dir bestimmt helfen!“
Estella rührte sich immer noch nicht. Tulli wurde etwas ungeduldig. ‚Diese Mimose!‘ dachte er. Laut aber sagte er: „Also, ich mach mich auf den Weg. Ich will noch vor dem Dunkelwerden dort sein.“
Das musste er nicht unbedingt. Er war gern nachts unterwegs. Er brauchte kein Tageslicht, um etwas zu fressen zu finden. Im Gegenteil. Wenn die Sonne zu heiß schien, ging es ihm gar nicht gut. Da verkroch er sich am liebsten unter dichte Blätter und wartete, bis es kühler wurde.

Text: Marianne Tobie, Stockach Fotos: Manfred Kastner, Bodman - Ludwigshafen

 

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